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Sonntag, 23. Sep 2012

über das Zurückerobern lokaler Unabhängigkeit und globaler Verbundenheit

Zurück von einem freakig-bunten Sommer (und: da wo ich war, war dieses Jahr immer Sonne!!!) beschäftigt mich gerade folgendes: wie sehe ich meine Arbeit in einem grösseren Kontext? Soll ich sie überhaupt in einem grösseren Kontext sehen?

Ich bin in den letzten Jahren geschwankt zwischen politisch sein & Stellung beziehen oder doch lieber im "Stillen" am eigenen Mensch-sein arbeiten, anstatt die Unmenschlichkeit da draussen anzuprangern. Dazu einige Gedanken:

Schuhe

Nehmen wir an, die globale "Krise" unserer Zeit ist eine Krise der "aus dem Zusammenhang gerissenen Teilbereiche",  der Unverbundenheit, und der Entwurzelung. Ein Beispiel für lokale Un-Verbundenheit und globale Abhängigkeit: Heini Staudinger, der grosse Visionär in Sachen menschlich- wirtschaften und Chef von GEA, der Waldviertler-Schuhwerkstatt, beschreibt  die Situation in der Schuhindustrie so: früher hatten fast alle Leute ein bisschen Ahnung vom Schuhemachen. In fast jedem Dorf gab es einen Schuhmacher und Schuhfabriken waren auch keine Seltenheit. In Europa haben 500.000 Menschen ihre Arbeit in der Schuhindustrie verloren,  weil 75% der Schuhe nun in Asien produziert werden. In Österreich gibt es im Moment 22 Schuhmacher-Lehrlinge. "Wenn die Leute von Dingen wie Schuhe und Kleider nichts mehr verstehen, ist das ein bedrohliches Phänomen.(...)Der blöde Konsument, der von nichts eine Ahnung hat aber mit seiner Kaufkraft "König" ist, kann doch nicht unser gesellschaftliches Ziel sein. (Anmerkung von mir: das gleiche können wir vom Gesundheitssystem berichten.) Ich muss die Welt, in der ich lebe, ein bisschen verstehen können.(...)Eines ist klar: Alles wird so bleiben, wie es ist, es sei denn, wir machen es anders.(...)Auf "die da oben" brauchen wir nicht zu hoffen. Alles, was wächst, wächst von unten.", soweit Heini Staudinger.

Und das ist meine Brücke: ich kann meine Arbeit gar nicht nicht-politisch sehen, da ich interessiert bin daran, etwas -von unten- wachsen zu lassen. Die Rückeroberung lokaler Unabhängigkeit und globaler Verbundenheit? Das wünsche ich mir -nicht nur für meine Stadt, mein Dorf, sondern zuerst einmal für mich selber. Und ich glaube daran, dass Menschen, die sich ihrer eigenen Entwurzelung und Ahnungslosigkeit bewusst sind, erstens keinen Sündenbock brauchen für die Lage der Nation (auch nicht die Politiker-Sündenböcke), und zweitens etwas wachsen lassen können, das irgendwann einmal sehr stark werden wird.

Die zwei wichtigsten Grundbedürfnisse

Unabhängigkeit und Verbundenheit - gleichzeitig eng verbunden mit jemandem zu sein und unabhängig über sich selbst hinauszuwachsen und eigene Kompetenzen zu erwerben, das sind die stärksten vorgeburtlichen Erfahrungen, die wir alle gemacht haben. Leider lernen wir sehr früh in unserer Kindheit, dass unser tiefes Bedürfniss nach Unabhängigkeit (erkunden, experimentieren,...) und Verbundenheit (getragen werden, Körperkontakt,...) "falsch" ist. Einerseits durch Verbote, andererseits durch Imitations-Lernen (siehe dazu einen Beitrag von Joseph Pearce) führt dies zur Entkoppelung von Gefühlsausdruck und den tatsächlich empfundenen Gefühlen, wir lernen die Gefühle zu kontrollieren und vom Körperempfinden abzutrennen.

die Abenteuer im Alexandertechnik-Unterricht

Im Alexandertechnik-Unterricht sind die SchülerInnen ständig damit konfrontiert, dass sich die neuen kinästhetischen Erfahrungen, die mit Hilfe der LehrerInnen gemacht werden, seltsam und sogar falsch anspüren. Der Grund dafür ist oben genannte Entkoppelung, und die damit einhergehende Konditionierung: wir spüren als Kind, das Neugierde lebenswichtig ist für unsere Weiterentwicklung, oft genug ermahnt nicht so neugierig zu sein, lernen wir diesen kreativen Impuls zu unterdrücken. Angepasst an die Welt der Erwachsenen fühlt sich das mit muskulärem Aufwand betriebene Unterdrücken von "kindlicher Neugierde" richtig an (was uns meistens nicht bewusst ist ), und das Zulassen der selben -je nach Typ- waghalsig bis abenteuerlich bis furchterregend. Alexander nannte dies "fehlerhafte Sinneseinschätzung". Wir sind ZielstreberInnen geworden, unser Ziel ist das "sich-richtig-fühlen". Und kein Wunder, dass wir, als würde es um´s Überleben gehen, damit beschäftigt sind, uns "richtig" zu fühlen: bei uns allen, die wir gelernt haben, nur dann angenommen und geliebt zu sein, solange bestimmte Emotionen und Neigungen in uns unterdrückt sind, geht es ja "gefühlt" tatsächlich ums´Überleben.

Die Abwehr von Gefühlen geht aber mit muskulären Anspannungen einher, die auch noch Jahre später in uns gespeichert sind, und oftmals auch erst Jahre später so richtig zum tragen kommen. Verständlich, warum es nonsense ist, verspannten und an ihrem Bewegungsapparat leidenden Menschen einfach nur zu empfehlen, sie sollten sich mehr bewegen?

Der Kapitalismus ist kein Paradies

Gerald Hüther schreibt in seinem Buch "Was wir sind, und was wir sein könnten" (Untertitel: "ein neurobiologischer Mutmacher"), dass die nach unserer Geburt gemachten und im Gehirn verankerten Erfahrungen zwangsläufig in Widerspruch geraten mit den bis dahin erlebten Körper- und Sinneserfahrungen. Daher ist das biblische Bild von der Vertreibung aus dem Paradies recht passend für die Erfahrung, die die meisten von uns während ihrer Sozialisation gemacht haben: aus der ursprünglichen Einheit mit uns selbst, mit unserem Körper herausgefallen, von der Weisheit des Natürlichen-in-uns abgeschnitten zu sein.
Und genau das ist ja bekanntlich nicht nur die Krise des einzelnen Menschen, sondern die unseres kapitalistischen Systems, welches sich gerade selber an die Wand fährt.
An dieser Stelle muss auch gesagt werden, dass unser derzeitiges Gesundheitsverständnis und Krankenkassensystem massiv die lokale Un-Verbundenheit und die globale Abhängigkeit fördert. Im Jahr 2012 ist es noch immer normal, die Verantwortung über die eigene Gesundheit ÄrztInnen und Krankenhäusern zu überlassen.

Unabhängigkeit und Verbundenheit

Mit lokaler Unabhängigkeit meine ich: Frei sein zum SEIN, weil ich nicht mehr damit beschäftigt sein muss, für Sicherheit und "Überleben" zu sorgen, und ich die Abhängigkeiten, die daraus entstehen, nicht mehr brauche.
Logisch, dass erst dann und als Folge daraus globale Verbundenheit entstehen kann: wenn ich "es mir wieder leisten kann", präsent zu sein, ganz lebendig zu sein, sodass ich die Bäume am Weg zur U-Bahn sehe und die Erde rieche, auf der sie wachsen, sodass ich die Kassierin an der Supermarkt-Kasse wahrnehme, und mir bewusst ist, woher das Kleidungsstück kommt, das sie gerade über den Scan zieht, und sodass ich die Dreckschleuder von einem Auto, die mir die nächste Ladung Feinstaub in die Lungen katapultiert, rechtzeitig wahrnehme um mir die Nase zu zuhalten(...und zu verfluchen. Präsenz macht doch politisch!).

Die AlexanderTechnik ist für mich ein Weg, wieder zu lernen, dem natürlichen Bedürfnis nach Verbundenheit und Unabhängigkeit zu vertrauen. Ich möchte mir das zurückerobern, und leiste damit Widerstand gegen das gegenwärtige System. Aber ich beabsichtige nicht den Widerstand, sondern das simple da-Sein. Daraus ergibt sich ganz von alleine Widerstand, glaube ich. Denn wer die Absicht hat für Werte wie Lebendigkeit, Präsenz, Unabhängigkeit und Verbundenheit, die/der widersteht schon.

 

Tue das, was du fürchtest,

und das Ende der Furcht

ist gewiss.

Ralph Waldo Emerson