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Freitag, 21. Dez 2012

innehalten ist suspekt und gefährlich! oder: alexander meets leopold

So geschehen am 20. 12.2012, nachmittags zwischen 17 und 18 Uhr im Leopold Museum:

gemeinsam mit meiner kollegin unterrichte ich an jedem donnerstag nachmittag im neu gegründeten wiener ausbildungszentrum für f.m.alexandertechnik. gestern besuchten wir zum trimester-abschluss mit unseren 5 studentInnen das leopold-museum. wir wollten das, woran wir in der alexandertechnik-schule jeden tag arbeiten, im museum praktizieren. achtsam sein, bei sich bleiben, "sich selbst in ruhe lassen" beim anschauen der bilder. wir machten uns aus, bewusst ort zu wechseln, im stillen in kontakt miteinander zu bleiben, tiefenwahrnehmung zu praktizieren, und vor allem: innezuhalten. die ausstellung über japanische malerei war dazu hervorragend geeignet, es war eine beglückende erfahrung, so kunst wahrzunehmen. wir machten damit weiter in der ausstellung "nackte männer". abgesehen davon, dass die frauen unter uns es als sehr wohltuenden ausgleich empfanden, endlich mal von so viel männlicher nacktheit umgeben zu sein, freuten wir uns an unserem innehaltenden kunstgenuss.
Drei MuseumswärterInnen versammelten sich am Eingang des Raumes in dem wir uns gerade aufhielten und sprachen miteinander, wir spürten dass etwas im Busch war.
Einer von uns, Thomas, stand relativ nah, ihm war aber noch nicht klar was da lief.
Er fragte nach, was los sei.
Die Dame barsch: „Was machen sie hier? Sie machen hier eine Choreografie, das dürfen sie nicht, das ist nicht angemeldet!“ Ihr Tonfall war unfreundlich und schnippisch, sie ging uns sehr direkt an.
Thomas erstaunt: „Wir machen ja nichts, wir besuchen das Museum.“
Die Dame: „Sie verhalten sich nicht wie normale Museumsbesucher, sie gehen anders, sie machen einen tanz, sie gehen anders, das muss man anmelden, das ist nicht erlaubt!“
„Wie meinen sie das, wie sollen wir denn gehen?“
Die Dame aufgeregt:„So wie alle gehen, ganz normal, wie normale Menschen, sie sollen wie allen anderen Menschen gehen!“
Thomas war versucht sie zu bitten, ihm zu zeigen wie ein normaler Gang auszusehen hätte, besann sich aber und erklärte den drei Herrschaften freundlich was wir hier machen.
„Wir machen eine Ausbildung, wo es darum geht, besser zu verstehen wie wir mit uns selbst umgehen. Die Menschen bewegen sich oft sehr hektisch, schnell und unbewusst im Alltag, und bekommen davon zb. Rückenschmerzen. Wir wollen auch hier durch die Ausstellung bewusst durchgehen, bewusst den Ort wechseln, den Raum wahrnehmen, uns Zeit lassen, usw...“
Die beiden Herren verstanden sehr schnell und einer sagte dann: „Das ist genehmigt.“
Sie liess nicht locker. „Aber das ist nicht genehmigt, wenn man hier eine Choreografie macht, das darf man nicht! Wir sind hier nicht im Tanzquartier! Und letzte Woche war ein Nackerter hier, das war auch nicht genehmigt!“
Thomas „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, wir ziehen uns jetzt hier nicht aus.“ Die Männer waren sehr nett und beschwichtigend, die Dame wollte allerdings nicht runtersteigen von ihrem Standpunkt.
Wir fanden´s lustig und erschreckend gleichzeitig.
Eigentlich liefern wir Menschen doch "normalerweise" eine Performance ab in Museen. Man geht durch um am Ende zu wissen, man hat sich da etwas angeschaut was einen kulturellen Wert hat. Es hat selten etwas mit einem selbst zu tun, aber man kann nachher sagen, dass man da war.  Wir haben gestern versucht nicht an dieser Performance teilzunehmen sondern uns tatsächlich auf die Kunst, die hier hängt, einzulassen, und dabei als ganze Menschen anwesend sein.
Wir verstehen die Wärter. Sie tun ihren Job. Sie waren verunsichert.
Aber diese Welt ist verdreht.
Im Tempel der Kunst ist alles überwacht, sauber, geregelt, es ist teuer, und es darf nichts kreatives hier mehr passieren. Die Kunst ist abgetrennt vom Leben. John Cage, den wir allerorts in diesem Jahr gefeiert haben, weil er 100 geworden wäre, hatte genau davor gewarnt. Nun inszenieren wir ihn in Museen überall in der Welt, John-Cage-Ausstellungen gab es dieses Jahr jede Menge. Und wie dürfen wir uns „ihm“ nähern? Wie dürften wir durch eine Cage-Ausstellung gehen?
Wir besuchten heute ja auch die Ausstellung über die japanische Malerei im unteren Stockwerk des Leopold. Der Raum war erfüllt von der Zen-Haltung und der Ruhe, die diese Bilder ausstrahlten. Diese spirituell-ausgerichteten Künstler sind wahrscheinlich auch nicht gegangen wie normale Menschen...